Trauma und unser Nervensystem

Der Vagusnerv ist der ausgedehnteste zusammenhaengende Nerv unseres Vegetativen Nervensystems, (Bestehend aus Parasympathikus und Sympathikus). Es ist der Teil unseres NS, der fuer alle automatischen Ablaeufe sorgt auf denen unser Leben basiert.
Er verlaueft vom Stammhirn (Zentralnervensystem) durch den Hals, verzweigt sich vielfach mit Aesten in alle Organe bis hinunter zu den inneren Organen und Eingeweiden im Bauchraum. Nerven und Muskeln liegen immer nah beieinander, die Nerven beeinflussen und ‚messen‘ gleichzeitig die Bewegungen der Muskeln und melden diese Informationen dann weiter ins Gehirn.

Wer den ersten Paragraphen des Wiki Artikels zum Nervus Vagus  liest hat das Wichtigste schon verstanden.

Der Vagusnerv garantiert unser Ueberleben in vielerlei Hinsicht, besonders wichtig ist seine Aufgabe, dem Stammhirn Gefahrensituationen zu ‚melden‘. Vom Stammhirn aus wird sofort die Ausschuettung von chemischen Stoffen organisiert, die Flucht/ Kampf oder ‚Totstellen‘ ermoeglichen – auch ‚in Ohnmacht fallen‘ ist eine Methode den Organismus, sich vor ueberwaeltigenden Eindruecken zu schuetzen. Tiere haben genau dieselben Reaktionen und nutzen sie in derselben Reihenfolge – Fliehen…Kaempfen.. …Totstellen.

Der Vagusnerv ist auch mit den Gesichtsnerven (Augen/Ohren/Nase) verbunden und besonders beim Menschen, der ja ein ‚Bewusstsein seiner selbst‘ hat, ermoeglichen die in Sekundenbruchteilen erfassten und verarbeiteten Eindruecke die Erkennung und Einordnung von Gesichtsausdruck, Geruch und Stimme. Die Nachahmung des erkannten Laechelns schon bei sehr kleinen Kindern ist ein Beispiel dafuer, wie wichtig diese unbewusste ’soziale Komponente‘ ist.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Polyvagal Theorie von Stephen Porges. Leider nicht auf Deutsch erhaeltlich hier ist der Versuch einer – zugegeben laienhaften Zusammenfassung:

Beim Menschen stellt Porges eine fortschreitende Weiterentwicklung (Evolution/Anpassung) des Autonomen Nervensystems gegenueber dem der Saeugetiere und Primaten fest. Der Mensch hat sich in der Vergangenheit schon ueber die ‚animalischen‘ Reaktionen ‚Fliehen, Kaempfen, Erstarren hinweg weiterentwickelt und ‚Dissoziiert‘. Darunter versteht man eine Trennung der Verbindung von Bewusstsein und Koerper – man nimmt seinen Koerper und die Gefuehle die aus ihm gemeldet werden nicht mehr wahr. Porges geht aber noch weiter und entdeckt einem neuen ‚Schaltkreis‘ des Vagusnervs zwischen den Gesichtsnerven und dem Herzen. (Ja, dem Herz – und wir reagieren aeusserst empfindlich auf die Veraenderung unserer Herzrate). Dass diese Nervenverbindungen des Vagus zwischen Stammhirn und Herz immer leistungsfaehiger und vielfaeltiger wird wurde von Porges wissenschaftlich bewiesen. Seine Theorie besagt, das der Versuch einer ’sozialen Interaktion‘ im Falle von ‚Gefahr‘ mittlerweile die ERSTE Reaktion eines Menschen ist, erst wenn diese fehlschlaegt folgt der Flucht oder Kampfreflex. Und wenn weder Flucht noch Kampf moeglich erscheinen, bleibt nur noch die Erstarrung und/oder Dissoziation.

Dissoziation

Wenn ein Mensch in einen ‚Erregungszustand ‚ geraet (will heissen das die Sinneseindruecke so vielfaeltig und stark sind das er sich ueberflutet oder ueberwaeltigt fuehlt) gibt es zwei Moeglichekeiten:

Er fuehlt sich sicher und kann es geniessen oder er fuehlt sich unsicher und muss es vermeiden.  Die Sicherheit oder das Gefahrenpotential einer Situation schaetzt ein gesunder Mensch der die Leitfaehigkeit seines Nervensystems nicht durch Drogen/Alkohol oder Medikamente herabgesetzt hat in Sekundenbruchteilen ab. Das Unterbewusstsein vergleichet die ‚jetzt‘ Situation mit den ‚gespeicherten Erinnerungen‘ wobei das Bewusstsein theoretisch diese Automatik ‚ueberscheiben‘ kann.

In sozialem Kontext, also von Mensch zu Mensch, sind Blickkontakt, die Einordnung des Gesichtsausdrucks und der Koerpersprache des Gegenueber und das Hoeren der Stimme massgebend bei der Einschaetzung – wobei der Klang schon einen Unterschied macht, unabhaengig vom Verstehen der Worte. Wir machen staendig unbewusst und sekundenschnell Kontakte und bewerten diese – von der Bewertung haengt unsere Reaktion ab.

 
Und nun kommen wir zu der Wirkungsweise von TRE: 

TRE ruft neurogenes Zittern im Autonomen Nervensystem (ANS) hervor. Dieses Zittern erlaubt es dem Nervensystem, interne Spannungen als Energie abzuleiten. Die Spannungszustaende haben meist ihren Ursprung in versuchten aber nicht ausgefuehrten automatischen Reaktionen von Flucht oder Kampf die zu Erstarrung und /oder Abspaltung (Dissoziation) gefuehrt haben.
Wenn Beugemuskeln wie der Grosse Lendenwirbel (Psoas) entspannt ist, wird damit dem Stammhirn signalisiert das keine Gefahr mehr herrscht. Im Grunde genommen erlauben durch die Anwendung von TRE  dem ANS, in seinen normalen balancierten und ruhigen (und was die Muskeln angeht entspannen) Zustand zurueckzukehren.
Das Neurogene Zittern bringt den Korper rein physiologisch in einen Zustand in dem wir ein Gefuehl der ‚Sicherheit‘ haben und darum offener sind fuer soziale Interaktion. Auch die Selbstbeobachtung ist einfacher zu erreichen – die Faehigkeit, den eigenen Koerper zu spueren ist objektiv verbessert.

Eine wichtige Beobachtung unter allen Menschen die TRE praktizieren hat dazu gefuehrt, das TRE mittlerweile gelehrt und von Fachkraeften weitergegeben wird, die selbst mindestens 12 Monate lang regelmaessig TRE an sich selbst erlebt haben:

Die Rolle des TRE Practitioners steigert und beschleunigt den TRE Prozess indem sie das Sicherheitsgefuehl via ’sozialer Interaktion‘ garantiert. In der Gestalttherapie nennt man das ‚Heilung durch Begegnung‘. 

Begegnung bedeutet:
Interesse
Neugier
Aufmerksamkeit
Vertrauen
Sicherheit
Anteilnahme
Liebe
Heilung

David Berceli Ph.D.

David Berceli schreibt dazu in einem seiner Texte fuer angehende TRE Therapeuten:

‚Bis jetzt haben wir immer wieder beobachtet das bei einen Menschen der waehrend seines TRE Prozesses unterstuetzt und begleitet wird das neurogene Zittern tiefer ist und der Heilungsprozess schneller erreicht wird als wenn er es alleine versucht.‘

Es ist wissenschaftlich bewiesen das ein indviduelles Gefuehl von Sicherheit fuer die Heilung von Nervenstoerungen (besonders wenn sie den unbewusst funktionierende Autonome Nervensystem betreffen) unabdingbar ist. Die Begegnungsebene – zwischen TRE Lehrer und Schuelern ebenso wie auch der Schueler untereinander ist ein Mittel zur Herstellung eines sicheren Umfelds und beschleunigt die Heilung.

An Israeli volunteer and a Palestinian farmer working together.

Ein grossartiges Beispiel erzaehlt David Berceli aus seiner Zeit in Israel, wo er mit den beiden Chefs einer Organisation zur Versoehnung von Juden und Palaestinensern gearbeitet hat. Ganz bewust hatte man dafuer gesorgt das diese Organisation von einem Team aus beiden Staaten geleitet wurde aber zwei der massgeblichen Manager (ein Jude und ein Palaestinenser) hatten eine scheinbar unueberbrueckbare Abneigung gegeneinander. Sie waren sich dessen bewusst und wollten es auch aendern, es schien aber vom ‚Kopf‘ her unmoeglich zu sein. Die ganze Organisation litt unter dieser Situation und war nahe der Spaltung. David Berceli lud die beiden Maenner zu TRE ein und leitete selbst. Er beschrieb, wie das gemeinsame Erlebnis des ’neurogenen Zitterns‘ den Maennern bewusst werden liess das sie ‚gleich‘ sind, das alle Unterschiede zwischen ihnen reine Projektionen sind – geboren aus unterbewussten Erinnerungen. Dazu muss man sich ganz deutlich machen, das es bei TRE um das bewusste ‚loslassen von Kontrolle ueber den Koerper‘ geht – etwas, das uns aberzogen wird und vor dem wir uns insgeheim fuerchten. Umso mehr spueren die Menschen grosse Erleichterung und Verbundenheit wenn sie sehen, das ALLE in gleicher Weise auf die Tremors reagieren.

Ich hatte einen Klienten, einen jungen Mann, der TRE aus Neugierde probierte. Kurz nachdem er das erste Mal das neurogene Zittern in den Oberschenkeln und Beinen spuerte brach er in erleichtertes Lachen aus und sagte: Na so was…erst war ich getresst weil ich dachte ‚bei mir funktioniert das nicht‘, dann war ich gestresst ‚weil ch spuerte, das es DOCH funktioniert‘ und jetzt ist es solch ein angenehmes Gefuehl, das ich mehr davon will!

Ich habe es schon geschrieben und kann es bestaetigen – die Art und Weise wie TRE geleitet wird macht einen grossen Unterschied.

Hier ist noch ein Link zu einem Interview mit David Berceli im Suedafrikanischen Fernsehen, informativ und sehenswert. Wer danach noch Lust hat zu sehen was es heisst TRE in den Suedlichen Sudan oder nach China zu bringen der kann hier noch schauen.

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